Verrückte Zwanziger


Beim OKACLU, dem Ober-Abtsteinacher Karnevalclub, der seit November 2017 sein 66-Jähriges feiert, wird das Schnapszahl-Jubiläum im großen Stil begangen, denn ordentlich auf den Putz hauen ist eine ganz eigene Tradition des Vereins. Jedes Jahr knien sich die Odenwälder Fastnachter mit viel Enthusiasmus in ein besonderes Thema, um das herum sie ein vitales und zackiges Unterhaltungsprogramm gestalten. In der Vergangenheit haben sie schon die halbe Welt einschließlich Atlantis und sogar den Weltraum bereist. Heuer dreht sich alles um die Goldenen und Wilden 1920er Jahre im New Yorker Cotton Club, als Jazz und Charleston regierten.
 

Entsprechend betriebsam geht es vor den Veranstaltungen zu in der Umkleide wo Puderpinsel und namentlich beschriftete Sektgläser unweit voneinander greifbar sind, während ein paar Schritte weiter ein Schluck Wodka mit Brause die Nerven entspannen soll. Zwischendrin schminken sich die Bühnenakteure und schlüpfen in ihre Kostüme. Es hat zum Teil ein bisschen was von Wühltisch, aber die Atmosphäre ist eher mit Tatendrang als mit Nervosität aufgeladen. Die Karnevalisten haben diszipliniert geprobt und alles passt und sitzt. Aufregung hat ihren Platz im Publikum. Das amüsiert sich in den eindringlich nachempfundenen berühmten Roaring Twenties, die von den Franzosen auch années folles genannt werden, die verrückten Jahre.


 

Für die Fastnachtsverrückten in Stoanisch, wie die Abtsteinacher ihre Heimatgemeinde nennen, beginnt die wahrhaftige Historie in den frühen 1950ern. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelt Heinz Frenz vom ausgebombten Mainz in den Odenwald um. Mit ein paar spielfreudigen Gesellen gründet er einen Würfelverein, aus dem am 11.11. 1951 der OKACLU wird mit Frenz als erstem Präsidenten, wie dessen heutiger Nachfolger Sven Tietze erzählt.

»Das erste Highlight war der Umzug im Februar 1952 mit eben Heinz Frenz als erstem Prinzen.« Umgesetzt, genäht und gebastelt werden damals die von Anfang an zum Zug gehörenden Pappmaché-Schwellköppe und später hinzukommende Dauerbrenner »überwiegend in der Schneiderwerkstatt von Alois und Leonhard Berbner in der Kirchstraße; an langen Winterabenden, in geselliger Runde.«

Immer dabei: Das Zepter als das Zeichen der närrischen Macht des Prinzen, und 1975 werden Orden eingeführt von Dr. Bernd Disam; damals Prinz und heute Vizepräsident des eingetragenen Vereins. Prinzenpaar kann »im Prinzip jeder« werden, intern vom OKACLU oder extern. »Früher wurde der Prinz am 11.11. gewählt vom Komitee; die Prinzessin wurde einige Wochen später ebenfalls aus dem Kreis der Prinzengarde gewählt. Es standen meist mehrere Damen zur Wahl, und es soll auch regelmäßig Tränen bei den nicht Gewählten gegeben haben.« Heutzutage legt Tietze in Absprache mit Bernd Disam die Kandidaten fest, und beide wählen sie auch aus; es gibt also keine offizielle Wahl mehr.

Vorbildliche Fatzvögel


»Mittlerweile ist es auch so, dass die Prinzenpaare meist auch im richtigen Leben Paare sind.« Das Prinzenpaar muss den OKACLU »nach bestem Wissen und Gewissen vorbildlich und närrisch durch die Kampagne führen« und für das leibliche Wohl der Fatzvögel sorgen, womit Komitee, Akteure und närrisches Volk gemeint sind.

Sieben Prunksitzungen gibt’s pro Jahr mit und rund achtzig Akteuren auf der Bühne, dazu den alljährlichen Boa Narhalla genannten Umzug, und am Sonntag vor dem Fastnachtssonntag findet die Prinzeneinholung statt. Dabei treffen sich alle Akteure in den frühen Morgenstunden ab etwa halb neun beim Prinzen daheim, wo es Getränke und Speisen gibt. Hernach zieht der Tross durch Abtsteinach ins Café Staier, das dann Burgschenke geheißen wird. Dort hält Disam eine große Laudatio auf Prinz und Prinzessin in Mittelhochdeutsch, gespickt mit lateinischen Ausdrücken. Nach der Ordensverleihung durch den Prinzen an Komitee, Akteure und Hofmusikanten steht zum Abschluss das traditionelle Mittagessen auf dem Tisch: Kartoffelwurst, Graubrot und Gurken. »Und natürlich Wein«, fügt Tietze verschmitzt hinzu.

Die Liebe zum Detail verlangt professionelle Bühnengestaltung, abgerundet durch beeindruckende Licht- und Tontechnik. Die Bühne selbst ist mit viel Aufwand entstanden und hat eine Nische für das Klavier. Eine ganze Bar wurde extra gebaut und alles originalgetreu tapeziert. Sechzig Lampen und gut ein Dutzend Scanner für Special-Effects werden eingesetzt. Allein der Auf- und Abbau fürs Licht nimmt jeweils eine Woche in Anspruch. Die Tontechnik wird von der ortsansässigen Firma Ellerbrock geleast und von einem hauptberuflichen Profi bedient.

Sven Tietze schätzt die Arbeitsstunden für alle Beteiligten auf »tausende«. Viele der zum Teil sexy Kostüme für die modernen Tanznummern werden in Handarbeit genäht, abgeändert und verschönert. Die Akteure kümmern sich selbst darum.

Text: Mike Seifert

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