Odenwälder Oldtimerfreunde
Ein Herz für Chrom, Lack und Leder

 

Es ist DER Oldtimerclub im Odenwald. Mehr als ein Verein. Eine Lebenseinstellung. 130 leidenschaftliche Mitglieder, ein Vielfaches an Fans. 1994 feierlich gegründet im Wasserschloss Fürstenau in Michelstadt-Steinbach aus dem 14. Jahrhundert. Ein passender Geburtsort für die Odenwälder Oldtimerfreunde, die sich seit 25 Jahren der Pflege automobiler Kultur verschrieben haben.

Herbert Spross ist ein Mann der ersten Stunde. Mit seinem Faible für Fiat-Oldtimer hat der Sammler im alten Lengfelder Feuerwehrhaus eine schöne Bleibe gefunden. Die "Galeria Auto d`Epoca" hat sich längst  zu einem Szene-Treff gemausert. Angefangen hat alles 1986 mit einem kleinen Topolino. Das sogenannte Mäuschen ist der Urahn des Fiat 500. 3,21 Meter lang, zwei Sitzplätze, Vierzylindermotor mit 13 PS. Das gute Stück hat seine Besitzer schon bis nach Sizilien getragen. Seine Frau Anette Lutz-Spross ist KfZ-Meisterin und war 25 Jahre lang Chefin des Autohauses Lutz in Nieder-Klingen. Wahrlich eine Liebesbeziehung.
Zwischen einem feuerroten Fiat Balilla Spider, Baujahr 1934, und den acht Topolinos residiert ein Bus des Karosserieherstellers Menarini auf Fiat-Chassis von 1954 mit einem 1,9-Liter-Dieselmotor. Ein Blickfang für das Museum. Doch der rare Exot kann auch gebucht werden. Herbert Spross hat ihn von 16 auf neun Plätze reduziert, um keinen  Busführerschein machen zu müssen. Dazu hatte der Klassikfreund nun wirklich keine Lust.
"Wir waren damals schnell rund  60 Leute", erinnert sich Spross  an die bewegte Gründerzeit des Vereins. Die leidenschaftlichen Oldtimerfans trafen sich bereits zuvor regelmäßig im Rahmen der Karfreitagsausfahrt, dem Britisch-Italienischen Klassikerfestival - heute Bad Königer Klassikerfestival - und dem monatlichen Stammtisch von Hans-Georg Langlitz im Hotel Nibelungen in Michelstadt. Im Zentrum der Aktivitäten stehen der Erhalt, das Restaurieren und Ausstellen von Automobilen, Motorrädern und Traktoren. Besonders die Schlepper erfreuen sich einem stark  wachsenden  Zuspruch.
Unter dem harten Kern aus sieben Köpfen war auch Alexander Hahn, der bis heute im Vorstand aktiv ist und den alljährlichen  Frühlingsausflug mitorganisiert, die als Osterglockenfahrt längst selbst zum Klassiker avanciert ist. Ein beliebter Saisonstart für die Szene. Am Karfreitag haben sich  120 Fahrzeuge, darunter 18 Motorräder, von ihrer besten Seite gezeigt. Heißer Asphalt im Odenwald. Poliertes  Chrom glänzte in der Sonne.  Lack und Leder, elegante Kurven und klassische Konturen. Automobilkultur in Reinform. Beste Bedingungen zur 25- Jubiläumstour. Eine  touristische Genusstour mit dem frühlingshaften Odenwald als wunderschöne Kulisse, die  ihresgleichen sucht.
Auch Herbert Spross ist immer wieder begeistert. Ein automobiler  Ästhet, dessen Auge sich früh auf italienische Modelle konzentriert hat. Lancia, Fiat, Alfa. Später hat er seinen privaten Salon etwas verkleinert. Mit gutem Grund: "Ich habe 70 Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass man immer nur ein Auto auf einmal  fahren kann", lacht der sympathische Herr mit Faible für Brillen und Mützen, während im Hintergrund eine  alte Faema E61 Kaffeemaschine – natürlich ebenfalls ein echter Italiener – mit würdevoller Grandezza auf den nächsten Einsatz wartet. Bei der Osterglockenfahrt war das frisch gekürte Ehrenmitglied als Helfer dabei. Ehrensache.
Vom Startpunkt in Michelstadt ist die Schnauferl-Kolonne entspannt  auf der Bundesstraße 47 Richtung Eulbach gerollt, um dort kurz vor dem Englischen Garten nach Süden abzubiegen und über Kirchzell ins bayerische Amorbach zu gelangen. Aus dem unterfränkischen Landkreis Miltenberg ging es dann wieder zurück nach Hessen. Durch das Ohrenbachtal und Vielbrunn führte der Kurs via Bad König und Zell zurück zum Ausgangsort.
Am Autohaus von Hans Thierolf trafen sich Klassiker aus den späten 1920er Jahren bis in die Zeit der Youngtimer – etwa 30 Jahre hatten die jüngsten Fahrzeuge auf dem Buckel. Eine feine Gesellschaft mit Stil und Understatement, die auf 65 sonnigen Kilometern viele neugierige Zuschauer erlebt hat.
Eine exklusive Parade. Vom stattlichen Mercedes bis zur knuffigen Isetta, vom röhrenden Porsche bis zum coolen MG Roadster. Das älteste Blech gehörte einem Mercedes Benz 170 V Cabrio B aus dem Jahr 1936. Nur übertroffen von einem Motorrad mit der Bezeichnung D-Rad R06  von 1928. 500 Kubik, zwölf PS und eines der recht wenigen gut erhaltenen Exemplare, die von der Deutschen Industriewerke AG mit Sitz in Berlin-Spandau übrig geblieben sind.
Entlang der Strecke fanden sich zahlreiche Fotografen ein, die das Defilee der Pioniere automobiler Ingenieurskunst im Bild festgehalten haben. Für unterwegs hatte der Verein Durchfahrtskontrollen mit kleinen Sonderprüfungen ausgetüftelt. Auch diese standen im Zeichen des 25. Jubiläums, wie Präsident Jochen Mühlsiegel berichtet.
Die Autos mussten mit der Stoßstange 25 Zentimeter an ein Gatter heranfahren. Außerdem hatten die Teams binnen 25 Sekunden eine Gleichmäßigkeitsprüfung absolvieren. Applauswürdig war die exakte Schätzung der Auspufftemperatur (ein Lasermessgerät brachte Klarheit) und des Hubraumvolumens eines Zylinders. 175 Kubikzentimeter war die richtige Antwort. "Es geht um den Spaß entlang der Strecke", betont Mühlsiegel – ein junger Kerl, der im Gründungsjahr des Vereins geboren wurde.

Seit vier Jahren im Club, seit zwei Jahren Präsident. Einstimmig gewählt. Weißer BMW 318 i, schwarze NSU Lux, Güldner G30 (ein Schlepper). Gelegentlich flirtet er mit einer 125er MZ, einer schnittigen Vespa und einer BMW Isetta. Ein Schrauber aus Bad König, mit hilfsbereiten Händen, einer Menge Know-how und viel Herz für den Traditionsverein.

Ein geglückter Generationswechsel, so Herbert Spross: "Jugend an die Macht!" Bereits als Traktor-Referent hatte sich Mühlsiegel  die Anerkennung seiner Vorstandskollegen erworben. Er will die vitale Szene im Odenwald weiterentwickeln und sich intensiv um das Kulturgut Oldtimer kümmern, wie es in der Satzung des Clubs verankert ist.

Ein rollendes Kulturdenkmal ist auch der grüne Triumph Spitfire aus dem Jahr 1974. Ein britischer Evergreen aus dem Stall von Manfred Pfeiffer. Der Ideengeber und Mitorganisator der bislang sieben Schmucker Oldtimer Classics hat ebenfalls Benzin im Blut, ist aber auch der traditionellen Odenwälder Braukunst aus Ober-Mossau nicht abgeneigt. Regelmäßig führt er kundig Gäste durch die Schmucker Brauerei. Im letzten Jahr lockte er rund 600 Oldtimerfreunde nach Ober-Mossau. Die Osterglockenfahrt lobt Pfeiffer als geselligen Klassiker mit Zukunftspotenzial: "Man trifft immer wieder Kollegen, die man lange nicht gesehen hat."

Hans-Jürgen Schulz fährt die Rallyes nicht mehr mit. Der Ex-Präsident ist aber immer in der Nähe, wenn irgendwo im Odenwald die Oldtimer angeworfen werden.  Zwar pflegt er – sorry, Mr. Pfeiffer – eine leichte Aversion gegen englische Fahrzeuge ("Das ganze Theater mit diesen Zollschrauben!"), doch hat sich seine Gattin vor etwa 20 Jahren in einen Morris Minor 1000 aus dem Jahr 1957 verliebt. Der Wagen aus Oxfordshire  wurde 1960 das erste britische Auto, von dem sich mehr als eine Million Exemplare verkauft haben. Ein englischer Käfer sozusagen.