Eselhof Binzig Wald-Michelbach

Mit Eseln auf Wanderschaft

Am Rande der Gemeinde Wald-Michelbach, im kleinen Weiler Binzig, werden Besucher mit einem herzlichen Ih-Ah begrüßt. Übersetzt heißt das wohl: Willkommen auf dem Eselhof!

Auf ihrem Hof im schönen Überwald versorgt Natascha Glosauer ihre Esel Yola, Lieschen Müller, Emilio, Luigi und den Neuzugang Laurin mit allem, was die Tiere brauchen. Seit Anfang 2019 kann man bei ihr außerdem Eselwanderungen buchen. Der Gast kommt den intelligenten Wesen dabei ganz nahe, wenn er sie an den Zügeln durch die üppige Natur des Odenwaldes führt. Nach einer Zwangspause durch die Corona-Krise konnten die Führungen im Frühsommer 2020 wieder starten – und die große Nachfrage beweist, dass die Wanderungen mit tierischer Begleitung sehnsüchtig vermisst wurden. Natascha bietet sowohl individuelle Touren für Einzelpersonen und Gruppen an als auch feste Termine, zu denen man sich anmelden kann.
Jede Tour beginnt zunächst mit dem Kennenlernen von Mensch und Esel. Während die Teilnehmer die Tiere bürsten dürfen und so schon einmal ersten körperlichen Kontakt zu ihnen aufnehmen, versorgt die Hofbesitzerin sie mit interessanten Fakten zu den intelligenten Langohren. Auch auf das typische Verhalten der Tiere, das manche gar als störrisch bezeichnen würden, geht sie ein. In Wirklichkeit sind Esel nämlich nicht in erster Linie stur, sondern vor allem sehr vorsichtig. Angesichts einer möglichen Gefahr bleiben sie stehen und sondieren erst einmal die Lage, statt panisch wegzurennen.
Da die Vierbeiner sehr individuelle Charaktere sind, gehört zu einer gelungenen Tour auch, dass die jeweils passenden Menschen und Esel zueinander finden. Das klappt aber eigentlich immer. Was die Tourgäste allerdings lernen müssen, ist, wie man die Tiere an den Zügeln zum Mitgehen motiviert. Lässt man ihnen alles durchgehen, kommt man nämlich kaum von der Stelle, zumindest nicht, wenn irgendwo leckere Grasbüschel locken. Ist man hingegen zu grob, verweigert sich der Esel erst recht. Bei einer solchen Führung kann man auch durchaus etwas über sich selbst lernen, weiß Natascha Glosauer: „Wir bieten keine Therapie an, aber die Leute sollen sich von der Erfahrung mitnehmen, was sie mitnehmen möchten“, erklärt sie.
Eine besonders beliebte Tour ist jene, bei der Natascha von der Heilkräuterexpertin Anja Gammelin-Werner unterstützt wird. Die Wald-Michelbacherin führt die Teilnehmer der Eseltour dabei in die Welt der essbaren und heilenden Wildpflanzen ein. Schon beim Sammeln können die Gäste selbst Hand anlegen, um am Ende der Tour dann ihre ganz eigene Kräuterbutter herzustellen. Anschließend werden bei einem Umtrunk im Hof noch verschiedene Rezepte mit Kräutern vorgestellt und unterschiedliche Kräuterzubereitungen verköstigt. Mit vollem Magen, Kopf und Herzen geht es dann nach einem langen gemeinsamen Nachmittag nach Hause. Der Eselhof selbst, ein liebevoll restauriertes älteres Gebäude umgeben von Garten und Wiesen, verströmt eine herzliche und familiäre Atmosphäre. Und nicht nur draußen in den Stallungen und auf den Wiesen dreht sich alles um die Langohren. Auch in den gemütlichen Wohnräumen finden sich überall Bilder oder Dekorationen, die an die freundlichen Tiere erinnern.

Dabei kam Natascha Glosauer zum Esel wie die Jungfrau zum Kinde. Eine besondere Verbindung zu jeglicher Art von Vierbeinern hatte die 1968 geborene Frau, die in Fürth aufwuchs, schon immer. „Die Tierliebe kommt vom Papa“, berichtet sie lachend und erzählt, dass ihre Familie bereits in ihrer Kindheit Ponys gehalten hat. Trotz dem frühen Kontakt zu Tieren, und obwohl sie bereits seit längerer Zeit gemeinsam mit Hunden und Katzen in ihrem naturnahen Haus lebt, hatte sie an die Anschaffung von Eseln eigentlich nie gedacht. Nur durch eine ganze Reihe von Zufällen ergab es sich im Jahr 2015, dass das Fohlen Yola als Geschenk seinen Weg zu ihr auf den Hof fand.

Ahnung von Eseln hatte sie damals noch keine, gesteht Natascha Glosauer. Sie besorgte sich Literatur über die Tiere und bildete sich rasch fort. Außerdem wurde Reiner Stürz, der Betreiber eines Landschaftspflegehofes aus dem Ried, dessen Esel im Rahmen einer naturnahen Tierhaltung Landschaftsschutzgebiete beweiden, ihr Mentor. „Er gab mir immer gute Ratschläge“, schwärmt die Eselfreundin.

Zu der gewitzten Eselin Yola gesellten sich nach und nach vier weitere Vierbeiner. Einige waren vorher nicht artgerecht gehalten worden, hatten Probleme mit den Hufen, den Zähnen – und litten an Übergewicht. Esel stammen ursprünglich aus den Gebirgswüsten Afrikas und Asiens und sind auf magere Kost ausgerichtet. Sie nagen gerne Äste ab und knabbern Brombeerranken oder Brennnesseln. Eine zu kalorienreiche Ernährung lässt sie schnell an Gewicht zunehmen, was zu Krankheiten führen kann. „Man muss sie immer auf Diät halten“, bestätigt auch Natascha.

„Esel sind außerdem nicht wasserdicht“, wie Frau Goslauer schmunzelnd anmerkt. Kälte und Feuchtigkeit zur gleichen Zeit vertragen sie nicht gut und bekommen leicht eine Lungenentzündung. Hitze oder trockene Kälte machen ihnen hingegen nur wenig aus.

Mit den Jahren wurde Natascha Glosauer von einer Eselnovizin zur Kennerin und ihr Grundstück zum Eselparadies. Ein angrenzendes Gelände, auf dem sich früher ein Hirschgehege befand, wurde inzwischen an den Hof angegliedert, sodass der vierbeinigen Schar genug Weidemöglichkeiten und ausreichend Raum zum Auslauf geboten werden.

Natascha liebt ihre Tiere. „Ich könnte den ganzen Tag über Esel erzählen“, gibt sie lachend zu. Schon früh wurde ihr klar, dass jedes ihrer Tiere eine ganz eigene Persönlichkeit ist. Manche mit eher sanftmütigem Charakter, andere sehr durchsetzungsstark. Und während die einen Exemplare eher von der stillen Sorte sind, beglücken andere die zum Glück sehr tolerante Nachbarschaft gern mit ausgiebigem Geschrei. Doch egal, ob laut oder leise – pfiffig sind sie alle. „Man muss sich schon Mühe geben, ein Gehege wirklich ausbruchsicher zu gestalten“, hat Natascha Glosauer gelernt.

 

Eigentlich ist die Herrin der Esel von Beruf Heilpädagogin. Die Idee, Führungen mit tierischer Unterstützung anzubieten, kam ihr auf Nachfrage von Bekannten, die sie gerne auf einem ihrer Ausflüge begleiten wollten. „Irgendwie müssen sich die Esel ja ihr Futter verdienen“, scherzt Natascha. Erst nahm sie als Bezahlung nur Spenden entgegen, inzwischen haben die Touren aber feste Preise. Das Geld, das sie mit den Wanderungen verdient, fließt wieder zurück in die Versorgung und Pflege der Vierbeiner. Futter und Tierarztkosten, Honorare für Zahn- und Hufpflege sowie die notwendigen Bauten für ihre Lieblinge sind schließlich teuer. Nataschas Leidenschaft ist beileibe kein billiges Hobby.

Ende 2018 wurde der Eselhof noch durch ein zusätzliches zweibeiniges Mitglied ergänzt. Dieter Kessel, im Odenwald bekannt als „Blaulicht“, betätigte sich zunächst als weiterer Eselführer und half bei der Versorgung der Tiere mit. Ihm ist es jedoch auch zu verdanken, dass die Wanderungen inzwischen so professionell aufgezogen werden. Er unterstützt Natascha dabei, die Themenführungen zu konzipieren und zu bewerben.

Ob nun Nachtwanderungen bei Vollmond, Märchenwanderungen mit der Überwälder Märchenerzählerin Lisa Helfrich-Wolf oder auch Winterwanderungen mit Glühwein – es hat sich herumgesprochen, wie viel Freude so ein Spaziergang mit Eseln macht. Die schönen, schlauen Tiere aus nächster Nähe zu erleben ist für die meisten Gäste eine einmalige Erfahrung.

Und dabei machen die Führungen allen Beteiligten Spaß, nicht nur den Menschen. „Esel laufen gern“, erklärt Natascha. Man wandert auf den Touren meist auf naturnahen Wegen. Dass auch im idyllischen Odenwald und dem malerischen Ulfenbachtal immer mehr Pfade verbreitert und grob geschottert werden, damit schwere Maschinen zum Baumfällen die Wälder befahren können, ist ein Umstand, den Natascha Glosauer und Dieter Kessel kritisch sehen.

 

Doch solche Gedanken verblassen schnell, wenn Mensch und Tier unter dem runden vollen Mond, bei spektakulären Sonnenuntergängen oder im sommerlichen Waldzwielicht Seite an Seite die Odenwälder Natur erkunden. Und manchmal schallt dabei weithin der Gruß der Eselsbande: Ih-Ah!

Text: Katja Gesche

Eselhof Binzig

Natascha Glosauer und Dieter Kessel

Binzig 15

69483 Wald-Michelbach

Telefon: 0 151 - 232 567 51

E-Mail: knitterton@gmail.com

Website: www.eselwandern-odenwald.de

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