Mut zum Anderssein
Mani Neumeier ist eine lebende Legende. Zumindest was eingefleischte Krautrock-Fans angeht. Mit seiner Kultband Guru Guru spielte er in mehr als 52 Jahren weltweit rund 3700 Konzerte, nahm Hunderte Songs und mehr als 30 Alben auf und arbeitete allein in seiner Stammband mit über 40 Musikern zusammen.
Guru Guru spielen alles andere als klassische Rockmusik. Die Band entfaltet einen stabilen und zugleich unfassbar dynamischen Groove, in den ebenso hochklassige wie fantasiereiche Improvisationen gewebt werden. Verschiedenste Musikrichtungen aus zahlreichen Kulturen und unterschiedlichste Klänge aus der Natur vereinen sich in Neumeiers Musik. Dass sie dabei vor allem frei und unkommerziell bleibt, ist ihm das Wichtigste.
Am 31. Dezember 2020 feiert Mani Neumeier seinen 80. Geburtstag. Wir haben mit ihm über sein Leben hier im Odenwald gesprochen. Darüber, was diesen Flecken Erde so lebenswert macht, über das Finkenbach Festival und dessen außergewöhnliche Entstehungsgeschichte, über sein besonderes Verhältnis zu Japan und darüber, warum es ausgerechnet von ihm eine Wachsfigur im berühmten Wachsmuseum im Tokyo Tower gibt. Und wir haben eine Antwort auf die Frage gefunden, was seine Musik seit mehr als einem halben Jahrhundert so frisch, lebendig und einzigartig macht: der Mut zum Anderssein.

Passend zu Mani Neumeier habe ich beschlossen: Wir führen ein chaotisches Interview.
 
Mani Neumeier:

Ist mir recht. In Sachen chaotisch bin ich gut unterwegs.

Wir gehen wild durch eine unglaublich aufregende Vita, ohne festen Ablauf. Fangen wir an mit „The Girl from Hirschhorn“. Als Magazin, das sich ganz speziell dem Odenwald widmet, interessiert uns dieser Song natürlich besonders. Wie ist er entstanden?

Mani: Es gab ein Girl in Hirschhorn, aber der Song ist nicht unbedingt eine Widmung. Da ist auch viel Fantasie dabei. Das Stück ist ein bisschen lieblich, und ich fand den Titel witzig. The Girl from Hirschhorn.

Im Girl steckt die weite Welt, in Hirschhorn das – nicht böse gemeint – eher Provinzielle. War das eine Idee dabei, diese beiden Pole zu verschmelzen? Den Sound an sich hätte ich jetzt spontan eher weniger im Odenwald verortet …

Mani: Nun, in der Musik waren wir nie provinziell. Aber wir haben viel gemischt. Englisch und Deutsch. Es gab wie gesagt eine Begegnung, und ich hatte da eine Weile lang eine Freundin.

In dem Song ist doch sehr prominent Vogelgezwitscher vertreten. Ist das hier im Odenwald aufgenommen?

Mani: Ja. Seitdem es Kassettenrekorder gibt, habe ich immer Aufnahmen gemacht. Im Wald die Vögel, Menschen, Straßengeräusche. Hinterher habe ich das umgesetzt in der Musik.

In der Musik von Guru Guru, deiner Band, spielen Geräusche generell eine Rolle. War das von Beginn an der Plan?

Mani: Ja. Ich habe mir erlaubt, Geräusche wie Vogelstimmen gleichwertig zu behandeln mit der Musik. Damals, 1968, war das weder üblich noch anerkannt, sondern wagemutig.

Ob der Schritt, von München – deinem Geburtsort – in den Odenwald zu ziehen, wagemutig war, lasse ich einmal dahingestellt. Wie kam es denn dazu?

Mani: Erst einmal ging es von München nach Zürich in die Schweiz. Da habe ich 20 Jahre gelebt, von 12 bis 32. Guru Guru haben wir 1968 dort gegründet, da war ich 28. Als wir gemerkt haben, dass es in der Schweiz zu wenige Spielorte für uns gibt, wollten wir nach Deutschland. Ich wusste: In der Nähe von Heidelberg ist es gut. Heidelberg selbst war ein bisschen zu teuer. Ein Haus haben wir zunächst in Langenthal gefunden.  

Also war der Umzug in den Odenwald eine strategische Entscheidung?

Mani: Kann man schon sagen. Aber ich wollte auch wohin, wo es Hügel hat. In Hannover oder so hätte ich mich nicht wohlgefühlt. Es war auch quasi in der Mitte. Man war schnell in Zürich, München oder Köln. Wir sind ja damals schon überall aufgetreten, auch im Ausland.

Wie wurde der Odenwald zur echten neuen Heimat? Wann wusstest du: Ich bleibe hier?

Mani: Nun, am Anfang dachte ich schon: Was mach‘ ich denn jetzt hier auf dem Land? Anfangs sind wir noch ein paarmal die Woche in die Stadt gegurkt mit unserem Bus. Wegen der Mädels, der Action und der Musik und so. Aber mit der Zeit dachte ich: Ich brauch die Stadt gar nicht so. Da habe ich mich im Odenwald heimisch gefühlt und dachte: Hier ist es gut, hier ist es gesund. Zum Spielen mit der Band musste ich eh in die Stadt. Da war es mir gerade recht, wenn ich dazwischen meine Ruhe hatte. Wir hatten das Leben in der Kommune ja nicht gewählt, weil es Mode war, sondern für uns die günstigste Lebensform. Wir wohnten zusammen und konnten immer gemeinsam Musik machen. Es war alles unter einem Dach. Und es gab nicht so viel Ablenkung wie in der Stadt.

Von 1971 bis 1976 habt ihr in Langenthal gelebt, danach ging es über Finkenbach 2004 nach Hilsenhain …

Mani: Genau. Und ich fühle mich immer noch wohl hier. Übrigens kann ich von hier oben bis nach Mannheim blicken. Vor allem: Ich habe gute Luft. Und Ruhe.

Bleiben wir kurz in Finkenbach und beim gleichnamigen Festival. Wie kam es zu der Schnapsidee, ein Rockfestival im Odenwald aufzuziehen?

Mani: Das kann ich gut erklären. Wir waren gerade in unser Haus in Finkenbach gezogen, da haben wir auf einer Wiese ein großes Bierzelt gesehen. Ich wollte wissen, was da abgeht, weil ich immer auf der Suche war nach Möglichkeiten, um aufzutreten. So habe ich den damaligen Feuerwehrkommandanten Wilhelm Hotz kennengelernt, der mir erklärt hat, dass die Feuerwehr hier ihr 25-jähriges Bestehen feiern würde. Ich habe spontan gefragt, ob wir nicht ein Konzert mit Guru Guru machen könnten, um uns im Dorf vorzustellen. Er war einverstanden – und dann kamen tatsächlich 600 Leute dahin. Die hatten an allen anderen Tagen zusammen nicht so viele Besucher gehabt. Daraufhin haben wir beschlossen: Nächstes Jahr machen wir ein Festival. Zur Premiere 1977 kamen 1000 Leute, im Jahr darauf 2000. Als wir 10 000 hatten, brach die Infrastruktur zusammen. Dann war erst mal Schluss. Ein paar Jahre später haben wir mit dem ansässigen Fußballclub wieder neu angefangen.

Das Finkenbach Festival erlangte schnell Kultstatus, 2018 habt ihr dort das 50-jährige Bestehen von Guru Guru gefeiert. Nach dem Zerwürfnis mit dem mitveranstaltenden Fußballclub hast du dich – schweren Herzens – entschieden, ein neues Festival auf die Beine zu stellen …

Mani: Als sie mir mitgeteilt haben, sie hätten für das nächste Jahr bereits einige Bands selbst eingeladen, war ich entsetzt und habe gesagt: Das ist doch mein Festival! Ein Festival zu machen, das ein Gesicht hat, ist nicht einfach. Wir sind mit dem Finki international bekannt geworden. Da sind Leute aus den USA, aus Österreich, der Schweiz und der ganzen Welt angereist. Es hatte einen Touch von Woodstock. Letztlich habe ich mich entschieden, ein neues Festival auf der Burg Neuleiningen zu machen und habe es Cosmic Castle genannt. Leider mussten wir die Premiere in diesem August wegen der Corona-Pandemie verschieben.

Zum Finki habe ich meinen Freunden und den Fans auf Facebook erklärt: Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören. Der Fußballclub betreibt das Festival weiter – aber eben auf seine Art.

Das Finki ist eine große konstante Leidenschaft in deinem Leben – die andere ist Japan. Woher kommen deines Erachtens nach die Faszination und die Begeisterung der Japaner für deine Musik?

Mani: Das erste Mal gemerkt haben wir das 1973, als unser drittes Album Känguru dort ein paar tausend Mal verkauft wurde. Wir hatten auf Anhieb ziemlich viele Fans dort. Letztlich hat es aber bis 1996 gedauert, bis wir das erste Mal hingereist sind – und zwar zur Enthüllung einer Wachsfigur von mir im Wachsmuseum des Tokyo Tower. Die haben uns behandelt wie die Könige, was uns natürlich gefallen hat. Danach bin ich jedes Jahr hingeflogen, habe immer mehr Musiker kennengelernt und wurde so nach und nach Teil der japanischen Underground-Szene. 2004 habe ich in Tokyo meine Frau, Etsuko, kennengelernt. So ist Japan meine zweite Heimat geworden.

Kommen wir zur Musik: Mani Neumeier und Guru Guru, das sind nun 53 Jahre Bandgeschichte, weit über 3000 Live-Auftritte in vielen Ländern, über 30 Alben und noch mehr wechselnde Bandmitglieder und Gäste. Was ist der rote Faden, der das alles zusammenhält?

Mani: Der rote Faden bin hauptsächlich ich, sind meine Kollegen und ist die Identität, die besagt, dass wir keine kommerzielle Musik machen. Dass wir nicht schauen, was ist gerade Trend. Wir sind immer unserem Ideal treu geblieben, haben uns damit unsere Stammfans erhalten, aber auch immer wieder neue Fans dazugewonnen. Der rote Faden ist die Idee, eine Live-Musik zu machen, die groovt. Die nicht brav ist oder gefällig.

Zwischen dem ersten und letzten Album liegen 48 Jahre. Was ist in dieser Zeit mit der Musik von Guru Guru passiert?

Mani: Das erste Album war 1970 UFO, das war natürlich viel wildere Musik, als dies nun auf dem vorerst letzten Album Rotate von 2018 der Fall ist. Heute ist unsere Musik nachvollziehbarer. Wir haben einfach im Lauf der Zeit gelernt, wie man live spielt. Wir waren auch am Anfang schon gut, haben aber unseren Hörern viel mehr abverlangt mit der Art, wie wir gespielt haben. Die Musik von Guru Guru ist mittlerweile besser zugänglich und für alle, denen die überwiegend im Radio gespielte Musik zu brav, zu langweilig, zu seicht ist. Wir sind nicht seicht. Wir sind immer noch kraftvoll und fantasiereich. Rotate kann man stilistisch zwischen Space Rock und Psychedelic World-Beat verankern. Hört man nun alle Alben von Beginn bis heute, könnte man denken, dass da immer wieder eine andere Band spielt. Manchmal ist das sogar innerhalb eines Albums so. Wir haben uns nie eingekapselt in einer Ecke. Und genau das lieben unsere Fans.

Interview: Rüdiger Ofenloch
Patenschaftsthema
Ulrich Benda von den Audiphilen Räumen ist "Krautrocker mit Leib und Seele" und nennt aus dem Stehgreif ein gutes Dutzend Bands, die ihn besonders begeistern. Darunter findet sich selbstredend auch Guru Guru, das über 50 Jahre alte Bandprojekt des von Mani Neumeier. Musikliebe verbindet eben. Die Präsentation von Mani Neumeier ist für Ulrich Benda darum so richtig passend: „Wie die Nadel in der Rille einer Schallplatte.“– und bester Grund für ihn und seinen Audiphilen Räumen die Patenschaft dieses Beitrages zu übernehmen.