Waldlehrpfad Ober-Schönmattenwag
Im Himmelreich

Mitte der 50er Jahre entstand im idyllischen Dürr-Ellenbachtal bei Ober-Schönmattenwag einer der ersten Waldlehrpfade Deutschlands. Was der Pädagoge und Naturschutz-Pionier Rupprecht Bayer seinerzeit auf hölzerne Tafeln schrieb, ist heute aktueller denn je.

„Ohne Wald kein Wasser – ohne Wasser kein Leben! Wollen wir leben, müssen wir den Wald schützen.“ Rupprecht Bayer hat das gesagt, zu einer Zeit, als Kinder noch in die Volksschule gingen und in kleinen Dörfern Ältere mit Jüngeren gemeinsam in einer Klasse unterrichtet wurden.
Man darf sich den 1915 geborenen Darmstädter also durchaus als einen Visionär vorstellen, denn lange bevor Umwelt- und Naturschutz ins Bewusstsein der Gesellschaft rückten oder moderne pädagogische Konzepte sich Bahn brachen, wies er auf die Bedeutung des Waldes für alles Leben hin und vermittelte seinen Schülern Wissen über die Natur fächerübergreifend, handlungsorientiert, anschaulich und praxisnah.
 
Zwei Jahre arbeitete Rupprecht Bayer mit seiner Klasse an seiner Idee eines Lehrpfades im malerischen Dürr-Ellenbachtal, der nicht nur Kindern und Jugendlichen, sondern auch erwachsenen Odenwald-Touristen Kenntnisse über das Ökosystem Wald, seine Bewohner und fast vergessene Traditionen näherbringen sollte. 1957 wurde er eingeweiht und seitdem immer in Ehren und instandgehalten. Auch die Erinnerung an den 1994 gestorbenen Naturschutzpionier lebt weiter – dank Menschen wie Jürgen Wolf. Der Geopark-vor-Ort-Begleiter bietet regelmäßig Führungen auf den Spuren Rupprecht Bayers an.
 
Zweieinhalb Stunden mit dem passionierten Jäger und Naturfreund sind ein kurzweiliger Intensivkurs in Sachen Wild- und Vogelkunde: Er stellt den Kleiber vor, der seinen Höhleneingang mit Schlamm abdichtet, so dass größere Tiere nicht hineingelangen, oder die „Luftwaffe“, wie Wolf die am Himmel kreisenden Raubvögel nennt. Auch das Rehwild lernen Wanderer näher kennen: Rehe seien Feinschmecker, erzählt Wolf, verursachten dabei aber auch Schäden an Bäumen – die tatsächlich nicht zu übersehen sind.

Auch das Köhlerhandwerk lebt in Jürgen Wolfs Schilderungen wieder auf, wenn er plötzlich stehenbleibt, um auf eine leicht erhöhte ebene Fläche am Wegesrand zu zeigen: eine „Kohlplatte“, auf der einst Holzkohle erzeugt wurde. Oder die alte Tradition des „Rennekloppens“: Der Abnehmer der getrockneten Eichenrinde, die für das Gerben von Leder verwendet wurde, saß ganz in der Nähe – die Weinheimer Firma Freudenberg. Auch auf ein noch erhaltenes „Brechloch“ macht er aufmerksam: Die Stelle, wo Hanf- und Flachs geröstet wurden, war einst auch ein Zentrum der dörflichen Kommunikation.

Und ganz nebenbei lehrt Jürgen Wolf auch auf amüsante Weise, die deutsche Sprache besser zu verstehen. Das Adjektiv „hanebüchen“ ist nämlich von der guten alten Hainbuche hergeleitet. Wieso, zeigt er an ihrem Stamm: Der Wuchs ist nicht geradlinig, sondern völlig verdreht. Heute wird „hanebüchen“ im Sinne von „verquer“, „abwegig“ oder auch „haarsträubend“ verwendet.

Einige der Schilder, die Rupprecht Bayer vor über 60 Jahren anfertigen ließ, sind noch im Originalzustand erhalten und lassen Betrachter ob ihrer nostalgischen Putzigkeit schmunzeln – an Aktualität haben sie jedoch nichts eingebüßt. Seien es Fuchs und Has‘, die den Wanderer durch die Idylle darauf hinweisen: „Euer Abfall macht uns traurig“, oder auch die zwischenzeitlich erneuerte „Vogeluhr“, die auf die Viertelstunde genau auflistet, wann welche Vögel ihren Gesang anstimmen.

Dem Gezwitscher des kleinen, aber sehr lauten Zaunkönigs, des noch winzigeren Goldhähnchens oder der fleißigen Meisen, für die hier eigens Nistkästen aufgehängt wurden, aber auch dem Ruf der Käuze können Spaziergänger hier ungestört lauschen, denn keine Straße durchschneidet das Dürr-Ellenbachtal.
 

In der Abgeschiedenheit des Naturschutzgebiets wachsen Farne und Gräser entlang einem plätschernden Bächlein, durch das auch Kinder gefahrlos waten können. Der weiche Waldweg, der am Parkplatz an der Ober-Schönmattenwager Grillhütte beginnt, steigt zwischen Buchen, Fichten, Douglasien und Ahorn sanft an und als einer der Wanderer genießend die „himmlische Ruhe“ preist, sagt Vor-Ort-Begleiter Jürgen Wolf wissend: „Wartet erstmal ab.“

Denn das Himmelreich ist nah: Es liegt rund einen Kilometer weiter in einem Talgrund, in dem sich der Wald zu einer kleinen Lichtung öffnet. Seit Generationen trägt dieses Fleckchen die amtliche Flurbezeichnung „Himmelreich“ – seine eigenartige Magie scheint also schon seit jeher spürbar gewesen zu sein. Rupprecht Bayer schrieb in den 50ern über diesen Ort fernab der „Hetzjagd des Weltgetriebes“: „Wie wohltuend empfinden wir, von der Hektik unserer Zeit geplagten Menschen, hier die nervenstärkende, erholsame Ruhe.“ Recht hast du, Rupprecht!

Als Dank für sein Engagement und für den ersten Waldlehrpfad haben die Ober-Schönmattenwager ihrem Lehrer Bayer einen Gedenkstein aufgestellt. Man kommt an ihm vorbei, wenn man schon wieder auf dem Rückweg zum Ausgangspunkt ist.

Nicht viele Wanderer haben sich an diesem schönen, warmen Sommertag in das kühle Tal verirrt. „Es ist grundsätzlich eher ruhig hier, vielleicht weil es im Tal kein Ausflugslokal gibt“, sagt Jürgen Wolf. Doch gerade die Ruhe macht eine Wanderung hier umso reizvoller – egal, ob man den Schildern des Waldlehrpfades nun Beachtung schenkt oder einfach nur die Natur genießt.

Was Rupprecht Bayer sagen wollte, muss man nicht in weißer Schrift auf braunem Holz lesen. Man kann es auch fühlen: „Ihr Menschen, habt Ehrfurcht vor dem Walde! Habt Ehrfurcht vor allem Leben, vor dem gewaltigen, wundersamen, göttlichen Schöpfungswerk der Natur!“

Text: Ute Maag

​Der Beitrag wurde unterstützt von der Odenwald Quelle
Regionalität, Familiarität und Nachhaltigkeit sind zentrale Werte des Familienunternehmens Odenwald Quelle. Für mehr als 45 mineralwasserbasierte Erfrischungsgetränke wird nur reinstes Wasser aus Quellen in Heppenheim an der Bergstraße und Rothenberg-Finkenbach (Oberzent) im Odenwald verwendet. Die Leidenschaft für Naturprodukte waren auch ein Auslöser für die Odenwald Quelle, den Waldlehrpfad und das Naturschutzgebiet Dürr-Ellenbachtal ins Bewusstsein zu rücken.
Waldlehrpfadführung
durch Geopark vor-Ort-Begleiter Jürgen Wolf

Die Teilnahme erfolgt nach Voranmeldung unter Telefon 06207/5856

 

​Jürgen Wolf führt durch das herrliche Naturschutzgebiet Dürr-Ellenbacher Tal und idyllisch gelegene Himmelreich. Entlang Deutschlands erstem Wald-Lehrpfad entdecken die Wanderer die Vielfalt eines der schönen, ursprünglichen Bachtäler des Odenwaldes. Der vor-Ort-Begleiter informiert über Flora und Fauna, über Waldbau, Schäden durch Rotwild und Rehe sowie die frühere Gewinnung von Eichenlohe und Holzkohle, Flachs- und Hanfverarbeitung.

WANDERMÖGLICHKEITEN mit Links zu Wanderrouten
WALDLEHRPFAD IM ODENWALD – WANDERUNGEN IM DÜRR-ELLENBACHTAL
Olfen über Olfener Steinbruch und Forsthaus Dürr-Ellenbach
Wanderstrecke: rund 14 km
Wanderzeit: rund 4,0 Stunden
Start und Ende: Dorfgemeinschaftshaus Olfen
Aschbach über Forsthaus in Dürr-Ellenbach bis Raubach.
Wanderstrecke: rund 13 km
Wanderzeit: rund 3,5 Stunden
Start und Ende: Geopark Informationszentrum, Im Wiesental 10, 69483 Wald-Michelbach-Aschbach
Raubach über Taubenberg und Dürr-Ellenbach
Wanderstrecke: rund 13 km
Wanderzeit: rund 3,5 Stunden
Start und Ende: Landgasthof Raubacher Höhe, Am Waldesrand 11, 64757 Rothenberg-Raubach
Dürr-Ellenbachtal und Steinbruch Olfen
Wanderstrecke: rund 13 km
Wanderzeit: rund 3,0 Stunden
Start und Ende: Ober-Schönmattenwag , Parkplatz „Grillhütte/Waldlehrpfad“
Ulfenbachtal ins Dürr-Ellenbachtal
Wanderstrecke: rund 14 km
Wanderzeit: rund 3,5 Stunden
Start und Ende: Ober-Schönmattenwag , Parkplatz „Grillhütte/Waldlehrpfad“
Raubach – Dürr-Ellenbach
Wanderstrecke: rund 8 km
Wanderzeit: rund  2,0 Stunden
Start: Raubach, Wanderparkplatz